mountainXperience 2026: Im Ernstfall zählt das Team

Welch ein Monatsabschluss im Mai 2026! Am letzten Mai-Wochenende stand für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der diesjährigen mountainXperience-Gruppen der intensivste und längste Teil ihrer Ausbildung an. Im Riedberg-Haus der Naturfreunde Darmstadt versammelten sich ausnahmslos alle Aktiven aus den Gruppen Klettersteig, Mehrseillänge und der Hochtourengruppe „Mein erster Dreitausender“. Das große gemeinsame Ziel: Teambuilding, Erste Hilfe, Wetterkunde und die „12 Knoten für die Berge“.

Annette Röckl aus dem Hochtourenteam hatte die Organisation übernommen – und lieferte ein Meisterstück ab. Es war ein Wochenende von der Gruppe für die Gruppe: Egal ob Fahrgemeinschaften, die Verpflegung vom Frühstück bis zum Abendessen, selbst gebackene Kuchen, die Streckenplanung und -findung oder das abendliche Knotenquiz – ausnahmslos jeder brachte sich ein, packte an, spülte oder putzte.

Rettung geht vor Höflichkeit

Doch so harmonisch die Gruppendynamik auch schien – geschenkt wurde den Teams an diesem Wochenende nichts. Am Samstagmorgen erschien Teamarzt Timo Liptak , der schon in der letztjährigen mountainXperience die bergmedinizinsche Ausbildung der Gruppe übernommen hatte. Im Gepäck hatte er, gemeinsam mit seiner Partnerin Maren ausgearbeitet, stolze 16(!) realitätsnahe Fallbeispiele aus der Gebirgsmedizin und der Ersten Hilfe im Hochgebirge.

Um 10:30 Uhr hieß es: Zugriff! Beim ersten „Opfer“ – einer einfachen Schnittwunde – agierten die Teilnehmer unter den strengen Augen der Trainer Diana, Rolf und Wolfgang noch völlig chaotisch. Doch die Lernkurve war steil. Nach der medizinischen Auflösung durch Timo folgte das unmissverständliche Feedback des Trainerteams zu Führung und Prozessmanagement.

In den Bergen gilt: Einschätzung, Selbstsicherung, Umgebungsanalyse. Wer übernimmt in der Seilschaft das Kommando? Wann brechen wir ab, wann gehen wir weiter? Wie wird der Notfall präzise an die Leitstelle der Bergwacht gemeldet? Hier zählen klare Ansagen und kein gemütlicher Stuhlkreis. Konjunktive haben bei der Ideenfindung nichts zu suchen. Lebensbedrohung geht vor sprachlicher Rafinesse, Rettung vor Höflichkeit.

Von der Routine zur Polykrise

Die Aufgaben wurden von Mal zu Mal komplexer. Die harmlose Schnittwunde wich einer Unterkühlung, es folgten ein komplexer Beckenbruch und schließlich der lebensbedrohliche Herz-Kreislauf-Stillstand. Manchmal spitzte sich die Lage sogar zur „Polykrise“ zu, wenn zwei Notfälle die Aufmerksamkeit der Gruppe gleichzeitig forderten.

Doch nach vier bis fünf Durchgängen stellte sich eine verlässliche Routine ein, durch Wiederholungen wurden die neuen Kenntnisse schnell gut verinnerlicht. Die Seilschafts- und Gruppenführer wurden spürbar sicherer, die Anweisungen präziser, die Rettung funktionierte schneller und reibungsloser. Da jeder im Laufe der zwei Tage mal in die Rolle des Opfers und mal in die des Führers schlüpfte, wurde die Bergrettung aus allen Perspektiven intensiv geübt und durchlebt.

Zurück im Riedberg-Haus wurde der Tag dann akribisch nachbereitet. Es wurde nachgefragt, analysiert und – in einer kurzen, humorvollen Pause – auch der fundamentale Unterschied zwischen Unterzuckerung und Unterhopfung theoretisch ausgearbeitet. Nach einer heißen Dusche zauberte die Truppe in ultragroßen Töpfen ein riesiges, veganes Curry, das alle mehr als satt machte und ganz nebenbei sogar die CO₂-Bilanz der Sektion Mannheim glänzen lies.

Selbst in den Pausen ruhte die Ausbildung nicht: Überall im Gebäude sah man Teilnehmer mit Übungsseilen, und wer auch nur fünf Minuten auf der Terrasse saß, der übte Knoten. Der Lohn der Mühe folgte beim abendlichen „Knotenquiz“ unter dem Motto Kassieren oder Blamieren. Blamiert hat sich niemand, kassiert haben alle: den verdienten Müsliriegel für den Sonntag.

Wetterkunde live: Wenn der Odenwald zum Himalaya wird

Der Sonntag begann mit einem logistischen Fragezeichen und Wetterkunde im Live-Modus. Hält das Wetter? Wenn nein, wie heftig wird das angekündigte Gewitter?

Die erste Stunde wurde auf der Terrasse noch hochintensiv genutzt. Für Timo war klar: keine Erste Hilfe ohne die stabile Seitenlage. Und weil alle Kursteilnehmer ganz gierig waren auf die klaren und schlichten Erklärungen „ihres Bergdoktors“, folgten dann auch noch Anleitungen und Übungen zu Herzdruckmassage und Beatmung – Wiederbelebung auf höchstem Niveau!

Und wenn etwas spätestens jetzt ganz klar ist: Bergsteiger sind Optimisten! Man kennt schließlich den Begriff des „Mikrowitters“ aus den Alpen, und – abgesehen von der Baumgrenze – ist der Odenwald den Alpen ja durchaus ähnlich, oder?

Auf die theoretische Frage des Trainerteams: „Was würdet ihr tun, wenn ihr sonntags um 10:00 Uhr diese Wetterbedingungen am Hans-Berger-Haus im Kaisergebirge hättet?“, kam prompt die ehrliche Antwort: „Ins Haus gehen und noch einen Kaffee trinken.“ Doch die Theorie wurde schnell ad acta gelegt – man war schließlich im wohlbekannten Odenwald, und so schlimm würde es schon nicht werden.

Denkste. Mikrowetter, Gewitter, Starkregen und mittendrin ein simulierter Herzinfarkt. Unter Regenschirmen wurde die herrlich simulierende Patientin unter Timos Anleitung so sauber und präzise wie noch nie versorgt. Dazu, by the Way, sogar Ihre Smartwatch löste einen Alarm aus, Oscarreife Szenen auf der nassen Wiese.

Ein kurzer Blick zwischen den Trainern Rolf und Wolfgang reichte danach aber aus: Das Wetter hat die Übung für dieses Wochenende beendet.

Mit zügigen Schritten ging es zurück, während im Hintergrund Blitz und Donner grollten und die schmalen Fußpfade sekündlich zu reißenden Bächen anschwollen. Es war zwar nicht die Götterdämmerung, aber klatschnass bis auf die Knochen standen sie am Ende da.

Erschöpft, durchnässt, aber als unschlagbare Einheit.

mountainXperience 2026: Teambuilding erfolgreich bestanden!

 

Text: Silvia Berens

Bilder: alle im Team