Zwischen Heiß oder Hoch, wenigen stark frequentierten Hotspots – und viel Einsamkeit

Das letzte Drittel unserer Alpendurchquerung war zu Fuß „nur“ 448 Kilometer lang. Denn öfter ersparten wir uns Kilometerlange Wegstücke auf heißen Teerstraßen, hielten klugerweise den Daumen raus, oder begannen zu lange Etappen ein paar Kilometer mit dem Bus, um sie für uns leistbar zu machen. Ein limitierender Faktor war sicherlich die Hitze, gleich zu Beginn, noch unter dem Eindruck der Hitzewelle hier in Deutschland und dann weiter unten im Süden, im tiefergelegenen Ligurien. Einmal brach uns auch eine fest eingeplante Unterkunft weg, das zwang uns, die Strecke umzuplanen. Und einige Tage waren auch einfach Bergtechnisch für uns wirklich hart, dass wir, mit Blick auf die Strecke, die noch vor uns lag, danach erstmal etwas Leichteres brauchten.

Wir sind an 33 Wandertagen im Schnitt je 13,57 Kilometer Strecke gegangen und sind dabei durchschnittlich 1100 Höhenmeter hoch und wieder runter gestiegen, oft auch das Doppelte. Dabei waren wir viermal über 3000m Höhe unterwegs, mit dem Rocciamelone (3500) und dem Monviso (3800) auch deutlich darüber. Viele Blockfelder legten sich in den Weg, T5 oder T4 Gelände würzten unterwegs immer wieder die Tage, steile und schuttige Auf – und Abstiege forderten eine dauernd hohe Konzentration. Erschwerend mussten wir zweimal in einem Bivacco oder einem Winterraum übernachten– die fehlende Versorgung machte den nächsten Tag dann spürbar schwerer.

Wie schon in den Jahren zuvor, sind wir aber während der Tour wieder zunehmend immer besser geworden, relativ flott waren wir auch in langen Anstiegen, das Ganze hat also wirklich viel Spaß gemacht, wir uns dabei mental und körperlich aufgebaut! Wichtig waren dabei jedoch auch die Ruhetage, die wir uns eingeplant haben, Regeneration verlangt im Alter etwas Aufmerksamkeit.

Die GTA Etappen südlich des Gran Paradiso mit der Gruppe der Mannheimer Sektion waren für uns ein willkommenes schönes Einlaufen. Alle sind gut gegangen, ein unproblematisches Ankommen am Berg! Nach dem Bergsteigerdorf Balme war der Abstecher in die Tour des Bessanèse dann deutlich fordernder, 3000m Höhenlage müssen auch erstmal im Körper ankommen. Eine telefonisch unerreichbare Unterkunft zwang zu einer Streckenveränderung, wir haben deshalb komplett den Talboden des tief gelegenen heißen und Verkehrsreichen Susatals übersetzt – so konnten wir wieder an unserem ursprünglichen Weg anschließen. Durch die grünen Wälder der Orsiera Rocciavre liefen wir immer näher auf den Monviso zu, trafen unsere Freunde und schafften zusammen unser Gipfelerlebnis auf über 3800m. Durch das Valle Maira, das Mercantour und die Alpe Marittime liefen wir dann viele schöne Tage immer weiter auf das Mittelmeer zu – die Augusthitze und der Verkehr ließen uns dann einen Tag vor der Küste, auf 200m Meereshöhe, die Tour beenden.

Der westliche Alpenbogen ist bis zum Meer gespickt mit Geschichte und Kultur, jeder Faden, den man aufgreift führt zur nächsten überraschenden Story. Geholfen hat hier der Versuch einer ausgiebigen Recherche im Vorfeld, die wir in unserem Blog verarbeitet haben. Hilfreich bei den Übernachtungen war auch immer, wenn wir die Sprachbarrieren überwinden konnten, nur mit Deutsch kommt man in diesem Teil der Alpen manchmal nicht tiefer rein. Hinweisen wollen wir unter vielem anderen auf die Geschichte der Waldenser oder auch auf die aktuellen Kämpfe von NoTAV.

Es gibt einige Engpässe, an denen die Hütten um diese Jahreszeit dann voll sind, das sind vor allem die hohen Berge wie Mont Viso oder auch das Tal der Wunder. Frankreich ist hierbei mehr Wanderland als Italien. Hier ist uns die Freizügigkeit aufgefallen und hat uns auch etwas irritiert, mit der auch häufig gezeltet wurde. Gleichzeitig haben wir noch nie so viele Steinböcke, Gämsen, Rehböcke, Geier aus nächster Nähe gesehen.

Auf der anderen Seite wunderte es uns fast, wie tolle Hütten oder Posto Tappa mit so wenig BesucherInnen überleben, bzw. so einen Service aufrechterhalten können, denn hier trafen wir tagelang kaum jemand. Alles ist dem Engagement und der Freundlichkeit der BetreiberInnen geschuldet.

6 Wochen Auszeit vom Internet bei 6 Wochen körperlich forderndem, aber dadurch entspannendem Tagesablauf am Berg machen den Kopf frei. Alles scheint klar und einfach. Umso krasser der Abstieg aus den Bergen runter ans Meer. Der Strand zum Großteil kommerziell, Nepp.

Unser eigenes Motto bleibt aber trotzdem „Nach dem Berg ist morgen“. Auf der Blogseite  unserer Internetseite https://www.nach-dem-berg-ist-morgen.de/ ist die gesamte Tour über drei Sommer tageweise beschrieben. In den kommenden Monaten werden wir sehen, wie wir die Erfahrung unserer Wanderung verarbeiten, versuchen, sie in einem Buch   festzuhalten.

Text und Bilder: Günter Bergmann