Dorothee Oettli und die Erinnerung an den Berggeist

Seit wann wandert ein Berggeist am Jahresende los und erfreut eine muntre Gruppe Mannheimer Bergfreunde? Ja, man möchte es nicht glauben, aber – er wandert schon seit … den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts!

O-Ton Reinhard Messlinger:  „In diesen 30er Jahren gab es im Mannheimer Alpenverein eine Berg- und Klettergruppe, die ziemlich elitär war und nur harte Freaks aufnahm.“

Dann kam einer – man höre und staune, denn es war Reinhards Onkel – der die Gruppe öffnete und Aktivitäten und Touren für alle Bergfreunde propagierte. Aus dieser Zeit stammt auch der „Berggeist“: es war eine Veranstaltung am Ende des Jahres, wo man sich traf, Rückschau und Vorschau hielt, erzählte, anregte, fröhlich war.

Nach der Angleichszeit des Dritten Reiches konnte sich der Mannheimer Alpenverein 1948 wieder etablieren. Auch der Berggeist am Jahresende fand wieder regelmäßig statt, in Heimen oder Gaststätten, z. B. in der Goldenen Gans in Mannheim.

Seit dem Erwerb der Schönbrunner Hütte 1974 hoch über dem Bühler Tal fanden die Treffen dort statt. Die „guten Geister“ waren Peter Baumer und Reinhard Messlinger. Man traf sich samstags mittag, wanderte feste, am Abend dann der große Auftritt des Berggeistes.

Lassen wir noch einmal Peter Baumer sprechen: „Der Höhepunkt des Abends war immer der Auftritt des Berggeistes. Das war eine Art Nikolaus, aber in Bergsteigerkluft. Er hält Rückblick auf die Ereignisse des vergangenen Jahres, erteilt Lob oder Tadel, gratuliert zu Jubiläen und gibt anschließend kleine Geschenke aus dem Krabbelsack aus“.

Ich erinnere mich gut an diese Auftritte: ausgestattet mit einem mächtigen weißen Bart, mit Mundharmonika und Stirnlampe, Seil und Karabinerhaken trat er aus dem Finstern in die nur schwach erleuchtete Stube. Und das ganz Besondere daran war: alles wurde meist in Reimform vom genialen „Deutschlehrer“ vorgetragen. Höchst lobend erwähnt Baumer auch seinen getreuen „Knecht Ruprecht“ (alias Reinhard Messlinger), der mit Leuchten, Konzepthalten, Geschenke austeilen immer dabei war.  Freilich gabs die Geschenklein (die von allen vorher mitgebracht worden waren) nicht einfach so, kitzlige Fragen mußten beantwortet werden, aus Geschichte, Geographie, aus allgemeinem Wissen. Tja, so ging das viele Jahre; aber schließlich wollte der tapfere Berggeist Baumer doch auch mal in den verdienten Ruhestand gehen.

Seitdem ist SEIN Geist zwar weiterhin dabei, aber die Verkörperung fehlt halt. 2004 bildete sich neben den alten Kämpen auch eine neue Formation: die Alpinistikgruppe unter Leitung von Uli Becker. Die führt nun die Tradition getreulich weiter, wenn auch leicht verändert. Geblieben ist der Krabbelsack, und die Rückschau auf das Bergjahr, von einen oder mehreren unserer Bergführer mit Bildern (und heut auch oft mit Video samt Musik) anschaulich dargestellt. Eingeführt wurde ein gemeinsames Käsefondue, unterstützt von diversen von den Teilnehmern mitgebrachten Beigaben. Dazu gekommen ist ein alljährliches Quiz, veranstaltet von unserem vom Berggeisthelfer zum Quizmaster aufgestiegenen Reinhard. Dieses Quiz, aus allen Sparten der Naturwissenschaften bis zu Bergkunde reichend, hat uns schon allerlei Schweißperlen auf die Stirn getrieben, die Lösungen sind manchmal so unergründlich wie die Tiefe des Nikolaus Sack.

Reinhard Messlinger und sein Berggeist 2004 beim Quiz

Aber nicht daß man nun meint, der Berggeistausflug bestehe nur aus Futtern, Raten, Geschenkeausteilen und einem sich anschließenden oft recht ausgedehnten „Plauder Abend“ (!!):  Der Sonntag ist nämlich der ernsthaften Wanderei gewidmet. Das begann in früheren Jahren, als wir noch auf der Schönbrunner Hütten waren, schon damit, daß wir vor Mitternacht auf den Omers-kopf stiegen, um um 12 Uhr die Glocken aus dem Dorf zu hören. Am Sonntag dann öfters der Karls-ruher Grat oder mit Autoanfahrt an wunderschöne, immer wieder andere Wanderwege im Schwarzwald. Manchmal gingen wir im tiefsten Schnee, oft nur durch raschelndes Laub. Regenwanderungen waren dabei und stürmische Winde, aber auch strahlende Herbstsonne. Wir besuchten das Aufforstungsprogramm des Mannheimer Alpenvereins (nach dem Sturm Lothar 1999), nahmen Reissaus von Eisklumpen vom Hornisgrindeturm.  Am Ruhestein standen wir, nach dichtnebeligem Aufstieg, plötzlich im Sonnenschein, unter uns die Suppe. Der Mummelsee wird auf dick beschneiten Wegen umrundet.  Die Gertelbachfälle sind ein Zaubergebiet.

Berggeister 2023 zur Zeit als es noch Schnee gab

Jetzt sind wir ja meist in Oden- oder Pfälzerwald, erkunden Burgruinen im Wasgau, tappen im Stockdunklen nach Zwingenberg runter oder hören Windharfen auf einem Kunstweg, Da wir ja nun keine feste Hütte mehr haben, ist das Unterkunft suchen mit unseren Ansprüchen (selber Kochen) für den Oberberggeist Uli Becker oft recht mühsam, allerdings tapfer unterstützt von der Rupprechtin (!) Ute – aber bis jetzt haben wir es noch immer geschafft – und der „Geist des Berggeistes“ wird hoffentlich noch recht lange weiterleben.

Uli Becker – der „gute Oberberggeist“

Text und Bilder: Dorothee Oettli