Cilli und Günter führen bekanntlich anspruchsvolle Touren, die wunderschön und immer sehr gut ausgearbeitet sind. Zu fünft durften wir die beiden dieses Jahr einige Etappen auf ihrer Alpenlängsdurchquerung begleiten. Die Altersspanne reichte von 39 bis knapp 69 Lebensjahren, alle brachten Erfahrungen im Bergwandern mit.
Treffpunkt war ein sehr nettes B&B in Quincinetto (Aostatal). Die Tour ging entlang des GTA (Grande traversata delle Alpi) bis nach Pialpetta (in einem der Lanzo-Täler). Die Etappen führten von Nord nach Süd, die Täler verlaufen von West nach Ost. Das bedeutete, dass wir jeden Morgen erst mal einen Aufstieg (900 – 1600 hm) zu bewältigen hatten, uns dann am Nachmittag teils lange und steile Abstiege (900 – 1700 hm) erwarteten. Der höchste Pass, den wir überschritten, war der Colle della Crocetta (2641 m). Wir waren täglich zwischen 5 ½ und knapp 9 Stunden unterwegs. Insgesamt haben wir ca. 80 km zu Fuß zurückgelegt.

Aber all diese Zahlen vermögen nicht den eigentlichen Reiz dieser Tour zum Ausdruck zu bringen. Auf teils schmalen, meist gut markierten und ausgebauten Wegen konnten wir in eine traumhaft schöne und naturbelassene Landschaft eintauchen. Von den Pässen hatten wir wunderbare Aussichten, nach Norden zum Gran Paradiso und etlichen 3000 ern, nach Osten bis in die Po-Ebene, die sich allerdings öfter in einer Dunstglocke versteckte. Unterwegs waren wir überwiegend unter uns, höchstens zwei oder dreimal am Tag trafen wir andere Wanderer.
Bei Noasca kamen wir durch ein verlassenes Bergdorf, in dem wir die noch möblierte Dorfschule und alte Wandgemälde besichtigten. In den Rifugios konnten wir uns mit den Ortsansässigen mittels Gestik und einem Mischmasch aus englisch und italienisch recht gut verständigen und erfuhren einiges über das Leben in den Piemonttälern. Kaum zu glauben, wie anders das Leben hier – eine gute Autostunde von Turin – verläuft. In Succinto wurden wir von der Betreiberin, einer ausgebildeten Sängerin, mit Folk-Songs unterhalten. Die Dorfkneipe in Talosio mit dem untypischen Namen „The Wolf“ war als legendär beschrieben worden und das war sie auch. Das Interieur hätte aus einem der frühen Pasolini-Filme stammen können, der Wirt hätte Bud Spencer die Show gestohlen und übt seinen Beruf mit Leib und Seele aus. Bei dem äußerst lecken 4-gängigen Abendmenü waren wir eigentlich schon nach den Antipasti satt, konnten aber trotzdem nicht aufhören. Übrigens mussten wir auf dieser Tour unser Vorurteil bezüglich des italienischen Frühstücks revidieren, es war sehr reichhaltig und lecker. Auch dem Wunsch nach vegetarischer Kost wurde meist entsprochen, auch wenn dies sicher noch ausbaufähig ist.

Wer wandert wird bewandert. Gelegenheiten für gute Gespräche, oder einfach gemeinsames Betrachten nutzten wir ausgiebig. Abends wurde mehr über die Welt als über Gott diskutiert, zum Teil kontrovers. Dabei entstanden neue Gedanken und Ansichten. Die Welt wird dadurch noch nicht besser, aber Ideen dazu hatten wir einige.
Ach ja, das Wetter darf nicht fehlen. Laut Wetterbericht sollte es eine sehr heiße Woche mit zahlreichen Gewittern werden. In den Tälern war es auch heiß, so dass wir einige Talabschnitte per Bus bewältigten. Aber auf 2000 m war es angenehm, wir hatten viel Sonne, leichten Wind und die wechselnde Bewölkung war eher willkommen. Lediglich einmal mussten wir vor dem Abstieg Regenkleidung anziehen, aber auch dieser war nach 1 ½ Stunden wieder vorbei.
An unserem letzten Tourentag hatten wir wieder Traumwetter, und der anstrengende Anstieg zum Colle della Crocetta wurde mit einer unvergesslichen Aussicht auf den Lago di Ceresole und den Gran Paradiso samt seiner Begleiter belohnt. Klar, dass wir dort zu einer ausgiebigen Mittagspause verweilten.

Die sieben gemeinsamen Tage zu siebt waren eigentlich viel zu bald vorbei. In Pialpetta hatten wir noch einen sehr schönen Abend zusammen. Dann trennten sich unsere Wege. Cilli und Günter gingen, gut eingelaufen, weiter auf ihrem Weg Richtung Mittelmeer. Wir Mitwanderer traten die Heimreise an, oder verweilten noch einige Tage im Piemont.
Eine wunderschöne Tour, mille grazie an Cilli und Günter!
Text: Jürgen Grulich-Henn
Bilder: alle Teilnehmer
