La vi(t)a è bella oder „Der Weg ist so schön!“

Die HW 26-12 zwischen Varzo und Domodossola an der Grenze von Italien und Schweiz wurde von Günter Bergmann als „schöne Bergtour“ umworben. Da Günter inzwischen die Alpen von Ost nach West durchquert und bestens in Augenschein genommen hat, durfte man annehmen, dass diese Ankündigung kein leeres Versprechen sein wird.
Außerdem konnte die An- und Abreise für diese Tour problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln organisiert werden, ganz im Sinne der Klimaschutzbestrebungen des DAV und somit ein weiterer Grund sich für diese Tour anzumelden.
Dieser Meinung waren außer mir noch 3 weitere Bergfreund/innen, sodass wir uns zu fünft aufmachten, um die Schönheit dieser Alpenregion selbst in Augenschein zu nehmen.
Der erste Tag flößte uns mit knapp 2000hm im Aufstieg ordentlich Respekt ein. Die schattigen Mischwälder bei Varzo spendeten uns im ersten Teil der Etappe kühlenden Schatten und immer wieder luden kleine Alpen zum Rasten und Durchatmen ein, sodass wir das Passplateau problemlos im geplanten Zeitrahmen erreichen konnten. Der Abstieg zum Rifugio il Dosso führte uns durch lichtdurchflutete Lärchenwälder, sodass ich gar nicht anders konnte, als die Gruppe immer mal wieder mit dem Satz „Ooh, der Weg ist so schön!“ zu unterhalten. Angekommen, wurden wir mit Zimmern mit eigenen Bädern positiv überrascht, fast schon ein kleines Wellnessparadies.
Am Sonntag hatte Günter für uns eine absolute Genussetappe geplant. Unser Weg führte uns durch Lärchenwälder, vorbei an wunderschönen Bergseen, durch Wiesen und moorige Hochebenen. Heute blieb uns sogar Zeit zum Baden und Fische füttern in einem der herrlich einsamen Seen. Momente voller Glück und Lebensfreude! Mit italienischer Lebensfreude wurden wir am Rifugio Gattascosa empfangen. Begleitet vom innigen Gesang durften wir uns zum Aperitiv auf der Terrasse niederlassen, bevor wir kulinarisch mit Pasta, Paprikagemüse, Käse und Kuchen verwöhnt wurden. An die in Alkohol und Aromen eingelegten Zuckerstücke haben sich nicht alle rangetraut, was vielleicht eine weise Entscheidung war?!
Auf alle Fälle konnten wir gut gestärkt den dritten Tourtag in Angriff nehmen, was auch gut war, da heute der höchste Punkt der Tour anstand. Dabei stellt sich die Routenfindung im Blockfels als zusätzliche Herausforderung dar, die wir im Aufstieg sehr erfolgreich meistern konnten. Im Abstieg erwies sich das allerdings als deutlich schwieriger, sodass wir eine ungeplante Trainingseinheit „Abstieg durch den Blockfels“ unter der wachsamen Beobachtung von zwei Steinböcken und Günters beruhigenden Ansagen einlegen durften, bis wir wieder auf der richtigen Route waren.
Dadurch verlängerte sich unsere Gehzeit an diesem Tag, was sich letztlich als Geschenk erwies. Denn der weitere Weg führte uns über viele kleine Pässe, die uns immer wieder neue Blicke auf die majestätischen Gipfel der umliegenden mit Schnee bedeckten Gletscherberge eröffnete. Ein Anblick so schön, dass einem fast der Atem wegblieb. Die Wiesen und Seen der Hochebenen, die wir durchquerten, strahlten dabei eine friedliche Ruhe aus, dass man alles vergessen konnte. Die Stille und Weite dieser Gegend trage ich immer noch im Herzen. Unbeschreiblich!
Am vierten Tag führte uns die Tour vom Rifugio Andolla zu unserer letzten Unterkunft, dem Rifugio Laghetto. Zuerst ging es im Abstieg in Richtung eines Stausees, bevor uns der Weg über einen Pass führen sollte. Leider mussten wir feststellen, dass unsere geplante Route nicht begehbar war. Also mussten wir umplanen, was unsere Tour an Höhenmetern und Gehzeit verlängert hat und mir in einem steilen Grashang zum ersten und einzigen Mal in dieser Tour den Satz „So ein Sch…Weg!“ entlockt hat. Wie gut, dass das nur ein kurzes Intermezzo war. Danach kamen wir wieder in die gewohnt schönen Gefilde der kleinen Pässe und grünen Hänge, wo wir unzähligen Schafen auf
unserem Weg begegneten. Gegen Ende dieses langen Tourtages wurden wir mit weiten Blicken ins Tal auf Domodossola und die umliegenden Gipfel belohnt.
Am Abend gab es ein besonderes Verwöhnprogramm: dampfende Minestrone, Pizocceri, frischer Salat, Linsenpuffer, Kuchen und Génépi ließen die schmerzenden Füße schnell in Vergessenheit geraten. Ein wunderbarer Tagesausklang.
Etwas müde aber beseelt von den vielen unvergleichlichen Eindrücken, die uns diese Gegend geschenkt hatte, machten wir uns am nächsten Morgen in den Abstieg nach San Lorenzo auf, von wo aus uns der Bus zum Bahnhof nach Domodossola und die Bahn letztlich wieder nach Mannheim brachte.
Am Ende bleibt zu sagen, dass uns mit der Ankündigung „schöne Bergtour“ wahrlich nicht zu viel versprochen wurde, ganz im Gegenteil.
Ich sage „Grazie mille“ an Günter und die ganze Gruppe, die diese Tour zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht haben!
Text: Heike Herrmann
Bilder: Alle Teilnehmer