In der XL-Variante aus dem Val Calanca weiter hinüber in die Leventina, wie sie Cilli und Günter bei ihrer Alpenüberquerung in 2025 gegangen sind, bedeutet der Sentiero Alpino Calanca mit einigen T4-Passagen in fünf Tagen eine Strecke von 57 km, davon 4050 Hm im Aufstieg und 5740 Hm im Abstieg. Nach den DAV-Touren ins Val Grande und in die Pyrenäen sowie mehreren privaten Unternehmungen kommt für mich wieder einmal die Frage „Warum das Ganze, du bist diesen Sommer schon genug in den Bergen hinauf und herunter gelaufen, warum also nicht mal ein paar Tage piano …?“ auf. Doch mit der Anmeldung gewissermaßen selbst „an die Leine“ genommen, überlege ich dann beim Klingeln des Weckers morgens um 5 Uhr nicht mehr lange: es geht mit gepacktem Rucksack los zum Bahnhof.

Neben Günter und mir haben es noch zwei weitere Teilnehmende in den Zug Richtung Chur geschafft. Nach einer entspannten Bahnfahrt steigen wir um in den Postbus nach S. Bernardino Villagio. Auf der Fahrt hierher war das Wetter recht schön, doch kaum öffnen sich die Bustüren, fallen die ersten Regentropfen. Ein Blick in die Wetter-App verspricht baldige Besserung, und nach einer kleinen Stärkung laufen wir zu viert los. Dabei orientieren wir uns an den bekannten gelben Wegweisern Richtung Rifugio Pian Grand, einer oder genauer zwei unbewirtschafteten Hütten für die erste Nacht. Nach kurzer Zeit durch den Lärchenwald stellt Günter fest, dass wir uns zwar auf der Originalroute entsprechend SchweizMobil befinden, allerdings nicht auf seiner geplanten Route. Das Wetter hat sich inzwischen gebessert, und wir entscheiden, die eingeschlagene Variante über den Pass di Passit zu nehmen. Das Gelände wird alpiner, und der Weg zieht sich angenehm hoch zum Pass. Auf der anderen Seite geht es jedoch steil und mit Ketten gesichert hinab. Nach dieser Stelle führen uns Wegmarkierungen heute wie auch in den nächsten Tagen durch Blockgelände. Durch die Wahl der Originalroute erreichen wir recht spät die beiden Hütten, in denen sich bereits alle anderen Besucher einen Schlafplatz gesichert haben. Auch für uns gibt es noch Platz, und nach einem bescheidenen Abendessen geht der erste Tag im kuscheligen Lager zu Ende.
Am zweiten Tag wartet auf uns die Schlüsseletappe mit einer reinen Gehzeit von 8 – 9 Stunden durch weiter anspruchsvolles Gelände. Schon morgens ist der Gang zur Toilette nicht ganz einfach, weil nach der klaren Nacht einzelne Steine von einer Eisschicht überzogen sind und Vorsicht geboten ist. Da über den Sommer kaum Bergtouren möglich waren und so etwas die Routine fehlt, entschließt sich eine Teilnehmerin, nicht weiter mitzugehen und ins Tal abzusteigen. So starten wir nach einem spartanischen Frühstück nur noch zu dritt in den sonnigen Tag. Leider liegt der Anstieg in den ersten Pass im Schatten, und das Balancieren über die teilweise rutschigen Felsen erfordert volle Konzentration. Oben angekommen können wir den weiteren Weg gut überblicken: steil hinunter, an einem Bach entlang zu einem See und dann eine lange, schattige Querung hoch in den nächsten Übergang. Wieder in der Sonne und nach der Mittagspause gestärkt geht es in bekannter Weise weiter: gut markiert durch Schutt und Blockgelände auf und ab bis zu einer Felskanzel, von der sich der nächste Abschnitt durch den Felskessel von Ganan einsehen lässt. Mit dem luftigen Abstieg und am Hang weiter zum Rifugio Ganan Richtung sind die technischen Schwierigkeiten gemeistert, doch gut ein Drittel der Etappe liegt noch vor uns. Erneut hoch in einen Pass, am bekannten Herzsee Lagh de Calvaresc und der gleichnamigen Alp vorbei führt der Weg recht entspannt zur schön gelegenen Capanna Buffalora. Hier erwartet uns ein komfortables Vierbettzimmer und ein reichhaltiges Abendessen, kurzweilig zusammen an einem Tisch mit zwei Schweizerinnen, die wir den ganzen Tag immer wieder ein Stück vor uns gesehen haben.
Der nächste Tag verspricht nach einem gemütlichen Frühstück Entspannung: nur gut dreihundert Höhenmeter Anstieg in den einzigen Übergang für diesen Tag. Auf der anderen Seite geht es wieder steil hinab, und der Weg schlängelt sich teilweise versichert die abschüssige Flanke hinunter – jeder Fehltritt oder Stolperer kann unschöne Konsequenzen haben. Den Abschluss dieser Passage bildet eine Stahltreppe, über die wir wieder in angenehmeres Gelände gelangen. Noch ein ganzes Stück folgen wir dem Sentiero Alpino Calanca, um dann die Originalroute zu verlassen und steil durch den Wald hinunter nach Selma im Val Calanca abzusteigen. Dort sind wir B&B al Pont von Monica die einzigen Gäste und freuen uns nach dem Bezug der großzügigen Zimmer auf Pizzoccheri zum Abendessen. Monica erzählt, dass sie das B&B in ihrem Elternhaus nicht weiterführen wird, da sich u.a. die wirtschaftliche Situation in den letzten Jahren zunehmend verschlechtert hat. In diesem Sommer war das hintere Calancatal nach Unwettern fast zwei Wochen lang komplett von der Außenwelt abgeschnitten, so dass in dieser Zeit alle Gäste ausgeblieben sind.

Auch der vierte Tag beginnt recht angenehm, und mit der Seilbahn nach Landarenca überwinden wir (zum Preis von nur 4 CHF) die ersten dreihundert Höhenmeter. Doch bis zur Capanna Cava als Tagesziel ist es dieses Mal noch ein gutes Stück, zunächst durch den Wald angenehm ansteigend, um dann nach Erreichen eines Ziegenhofes erneut etwas mühsamer durch Blockgelände und Schutt zur Boccheta Pianca Geneura als erstem Pass aufzusteigen. Von dort erblicken wir mit dem Passo del Mauro schon den nächsten Übergang, verlieren im Abstieg von den erarbeiteten Höhenmetern zunächst einige Hundert. Wir stoßen auf die Via Alta Crio und folgen ihr landschaftlich reizvoll für die nächsten anderthalb Stunden hinauf in den Pass. Ein letztes Mal erfordert der Weiterweg volle Aufmerksamkeit, vorbei an einem See und wir können auf der Terrasse der Hütte mit einem Panache die Sonne genießen.
Wie am Vortag sind hier keine weiteren Gäste, doch die Hüttenwirtin ist in ihrer ersten Saison zuversichtlich, dass in den nächsten Wochen die Besucherzahlen ansteigen, da weiter beständiges Spätsommerwetter vorhergesagt ist. Für uns gibt es ein leckeres Abendessen, und auch der Frühstückstisch ist am nächsten Morgen gut gedeckt. Mit knapp zweitausend Höhenmetern steht der Abstieg nach Biasca auf dem Programm. Um sicher den Zug zu erreichen, geht es frühzeitig los, ein kurzer Anstieg, zunächst weiter im alpinen Gelände und zum Schluss auf dem abwechslungsreichen Sentiero Storico erreichen wir das Tal.
Vielen Dank an Günter für die Auswahl und Vorbereitung dieser abwechslungsreichen Tour über fünf Tage in den Schweizer Bergen.
Text und Bilder: Marco Voigt
