„Machet schnäll …“
„Machet schnäll, d Suppe wird chalt“. Die Hüttenwirtin mahnt zur Eile: Kaum haben wir die Rucksäcke von den Schultern und die dampfenden Bergschuhe von den Füßen und wollen uns erschöpft auf die Holzbänke im Eingangsraum der Täschhütte fallen lassen, da ist auch schon aufgetischt. Die Tomatensuppe mit Nudeleinlage ist noch sehr heiß und auch sehr lecker. Lager beziehen, Körperpflege (oha, es gibt sogar eine Dusche!), das ist für später. Nach ziemlich wenig Schlaf und einer ziemlich langen Autofahrt genießen wir das Vier-Gänge-Menü und dabei den Blick auf das imposante Viertausender-Bergpanorama: Weisshorn, Zinalrothorn, Dufourspitze und andere Gipfel-Leckerlis, die ab morgen auf uns warten.
Nach den heißen Tagen in Mannheim bis an die 40°-Marke ist es hier angenehm frisch – wobei man auch hier ganz schön ins Schwitzen kommt, wenn man sich den Berg hinaufschiebt. Die Fotos, die später ausgetauscht werden, zeigen allerdings keine Schweißtropfen, sondern schmale Pfade und sprudelnde Bächlein durch Lärchenwälder, das Matterhorn, gescheckte Bergziegen, bunte Schmetterlinge, filigranes Edelweiß –unterschiedliche Blickwinkel der fünf Alphubi Seilschafter:Innen Tom, Robin, Mathias, Khoy und mir.
„Ein 4.000er für Konditionsstarke mit kleinem Eiskurs“
Die Tour trägt den verheißungsvollen Titel „Ein 4.000er für Konditionsstarke mit kleinem Eiskurs“ in den Walliser Alpen. Erst mal aber ist Schlaf nachholen angesagt. Am nächsten Morgen gibt es um 7 Uhr Langschläferfrühstück. Die frühen Vögel haben schon um 2.30 Uhr ihren Kaffee in sich reingeschlürft. Da hobeln wir doch lieber in Ruhe noch ein dickes Stück von dem kräftigen Schweizer Bergkäse ab und legen es uns aufs Brot. Wir lassen es gemütlich angehen, sind fast die einzigen Hüttengäste. Ich habe sogar den Luxus eines Einzelwaschraums (wo seid ihr, Gipfelstürmerinnen?), während die Männer beim Pinkeln direkt durch das Fenster des Waschraums beobachten können, wie das wache Murmeltier mit einem Pfiff seine Kollegen vor dem geflügelten Feind warnt, um dann selbst flugs im Bau zu verschwinden. Für uns stehen heute erst mal Höhenanpassung sowie Sturz- und Rutschübungen auf dem Schneefeld an. Um kurz nach acht starten wir in Richtung Alphubelsee und Gletscher. Im Vergleich zu den rund 1300 Höhenmetern, die wir uns gestern von Täsch bei Zermatt im Kanton Wallis über die Täschalp auf die 2.701 Meter hoch gelegene Täschhütte gekämpft haben, ein Spaziergang.
Was wir uns gestern auf der Karte angeschaut haben, wird jetzt im Gelände umgesetzt, jeder geht mal vorne und übernimmt die Führung. Wir klettern über unwegsames Blockgelände. Wer den Bergweg nehmen will, ist eine Spaßbremse. Natürlich sind alle mit Begeisterung beim Klettern über die Felsblöcke dabei. An einem nicht allzu steilen Schneefeld ziehen wir unsere Regensachen an – gleich wird es nass, nicht von oben, sondern von unten. Wer am Steilhang ins Rutschen kommt, braucht Techniken, um den Fall zu stoppen und nicht die Seilschaft mitzuziehen. Wie war das nochmal? Schnell vom Rücken in Bauchlage drehen, Ellbogen und Fußspitzen in den Schnee drücken (mit Steigeisen hingegen die Füße nach oben abwinkeln, um sich nicht mit dem Kopf nach vorne zu drehen) und den Rumpf in den Stütz bringen. Also los! Auf den Hang werfen und schon geht es den Schneehang runter, das macht mit jedem Mal mehr Spaß und das schnelle Auf-den-Bauch-Drehen wird routinierter. Jetzt mit Pickel. Pickel in die Hand, Rutschen, Handwechsel, zack, in den Stütz, Pickel in den Boden rammen.
Leider zwingt uns die Wetterlage zur Umkehr. Nur nochmal übers Joch schauen. Da geht’s lang, spätestens übermorgen. Alphubel, wir kommen! Für heute aber kehren wir zur Hütte zurück. Am Nachmittag ist noch Zeit für Kaffee und Kuchen und vor allem: ein Nickerchen. Was für ein Luxus!
Steigeisen- und Pickeltechnik im Gras
Das Wetter macht uns am dritten Tag einen Strich durch unsere Tourenrechnung: Zwei Dreitausender waren geplant, mit Gletscherübungen. Als wir nach einer guten Stunde Gehzeit auf dem 3.195 m hohen Wissgrat angekommen sind, wird der Regen immer stärker, leider kein kurzer Schauer. Dafür sprudeln die Ideen: Wir könnten uns in einer kleinen Felshöhle ein Biwak aus Rettungsdecken und Biwaksack bauen. Eng, aber kuschelig warm. Wer hat hier eigentlich die Regenjacke mit der besten Wassersäule? Wir kehren um, wärmen uns erst mal in der Hütte auf. Am Nachmittag werden wir die regenfreie Zeit für unsere Gletscherübungen nutzen. Doch kaum sind wir wieder in voller Gletschermontur aufgebrochen, fängt es erneut zu regnen an.

Geübt wird trotzdem: Gehen mit Steigeisen, Pickeleinsatz bei einer Hangneigung von mehr als 40 Grad. Man kann nicht mal von Trockenübung sprechen, es ist im besten Sinne eine Nassübung, die wir hier im Gras statt auf dem Gletscher veranstalten. Den Rest des Tages lassen wir mit Köstlichkeiten aus der Schweizer Küche und Berg-Yoga vor der Hütte – jetzt wieder bei schönstem Sonnenschein –, dem „faulen Hund“ und Uno-Spielen ausklingen. Heute Abend sind alle bis 21 Uhr in den Betten verschwunden.
Matterhorn im Morgenrot und Aufstieg zur Alphubel-Aussicht
Um 2 klingelt der Wecker, 2.30 Frühstück. Alle sind hellwach, erstaunlich gesprächig und frühstücksfähig. Um 3.30 Uhr Aufbruch mit Stirnlampen, die fast überflüssig sind beim Schein des Vollmonds. Nach zwei Stunden Gehzeit durch die Dunkelheit erreichen wir bei Sonnenaufgang den Gletscher. Die Silhouette des Matterhorns hinter uns erscheint in fast kitschiges (mystisches?) Sonnenaufgangsrosarot getaucht. Kneif‘ mich, ist das geträumt oder echt? Rucksäcke abziehen und Material rausholen: Gurt, Helm, Karabiner, Eisschraube, Gamaschen, Steigeisen, Pickel, Handschuhe, sitzt alles? Fertig. Es geht los: Einbinden in die Achterknoten, die Tom gestern schon in der Hütte vorbereitet hat. Ab auf den Gletscher.
Stirnlampe braucht man nicht mehr. Nicht nur die Augen, alle Sinne sind hellwach und konzentriert. Der Schnee ist noch fest, die Steigeisen krallen sich ins Blankeis. Wir müssen unser Tempo aufeinander abstimmen, kein Schlappseil, nicht zu viel Zug. Wir kämpfen uns Schritt für Schritt voran. Geht doch, war der Aufstieg zur Hütte am ersten Tag nicht anstrengender? Hat jemand Kopfschmerzen, fühlt sich jemand benommen oder orientierungslos, nein? Niemand ist höhenkrank. Langsam kommt die Sonne durch: Bestes Alphubel Wetter, Sonne satt. Glitzernder Schneestaub wirbelt, der Wind bläst, das Wasser gefriert im Trinkschlauch. Kalt ist es eigentlich nicht. Wir schieben uns den Berg hoch, wo ist eigentlich der Gipfel? Wir nehmen den Normalweg, gehen nicht über die „Eisnase“. 9.30 bis 10 Uhr sollten wir oben sein. Wir haben schon vier Geh- oder vielmehr Steigstunden hinter uns, da kommt ein scharfer Firngrat, der von unten schwindelerregend aussieht. Halb so wild, als wir oben sind. Halb so wild? Die Aussicht ist phänomenal. Der Gipfel in Sicht, der Alphubel mit deinem gewaltigen Plateau. Es ist grandios. Wirken schon die Endorphine?

Bald darauf, noch vor halb 10, stehen wir am Gipfel. Gipfelkreuze hab ich schon imposantere gesehen. Ein Gipfelbuch gibt es auch nicht und es bläst ziemlich. Für eine ausgiebige Brotzeit ist hier nicht der richtige Ort und Moment. Zügig steigen wir über die 40° steile Ostflanke ab. Der Schnee fängt schon an weich zu werden. Die Hüttenwirtin hatte uns gewarnt. Wer zu spät aufbricht, versinkt im sulzigen Schnee und schafft die fordernde Tour nicht mehr. Da bleibt nur noch der Heli. Darauf verzichten wir gern. Der Abstieg ist anstrengender als der Aufstieg, jedenfalls für die Beinmuskeln. Und spaltenreicher. Jetzt muss das Überspringen der Spalten geübt werden. Zum Glück sind die nicht sehr breit und wir haben keine größeren Einbrüche. Erst als wir vom Gletscher wieder herunter sind, machen wir eine größere Pause.
Jetzt gibt es noch eine kleine Kletterei über Felsblöcke und dann: Der Alphubelsee. Es ist gerade mal 13 Uhr und der perfekte Moment für ein Bad. Wer traut sich? Robin und ich. Frisch. Sehr erfrischend. Herrlich. Die anderen Seilpartner dösen in der Sonne. Auch gut. Das letzte Stück führt uns der bereits bekannte Bergweg zurück zur Hütte, die wir um 14 Uhr erreichen. Dem Tag fehlen Worte. Er hat nur Bilder und intensives Erleben. Wir sind müde und zugleich wie mit Bergenergie aufgeladen. Ich bin glücklich und dankbar. Was für ein Privileg, solche Tage leben zu können! Es gibt Einerlei-Tage und das ist ein Alphubel-Tag.
Banal genug, um auf der Hütte Kaffee und Kuchen auf der Sonnenterrasse der Hütte zu genießen, eine Dusche, ein Nickerchen, Stretchen. Abendessen, Spielen. Morgen geht es schon wieder nach Hause.
Nochmal im Mondlicht zum Sonnenaufgang
Um den letzten Tag noch auszukosten, stehen wir nochmal um 2 Uhr auf und wandern mit Stirnlampen (oder mangels Ersatzbatterien einfach im Mondlicht) Richtung Weingartengletscher. Sonnenaufgang mit Viertausendern. Matterhorn, Dom, Allalinhorn, Strahlhorn und wie die Freunde alle heißen. Für ein Morgenbad im Weingartensee reicht die Zeit nicht mehr, dafür noch ein bisschen Klettern in den Felsen.
Um 6 Uhr treten wir den Rückweg an. Viertel vor 8 auf der Hütte, packen und dann Abstieg zur Täschalpe. Weiter hinunter bis Täsch, wo das Auto geparkt ist. Rückfahrt mit zähen Staus. Aber wer beschwert sich schon über Staus? Zeit spielt keine Rolle, wenn man so intensive Tage gelebt hat. Es war grandios. Danke Tom. Danke Seilkameraden. Ihr wart fantastisch. Gerne wieder.

Text: Margret Mundorf
Bilder: Alle Teilnehmer
